Leseprobe
»Kannst du das glauben, Bill? Ich kann’s nämlich immer noch nicht. Sie haben es mir vor fast zwölf Stunden mitgeteilt, aber ich fasse es noch immer nicht.«
»Glaub’s nur, Süße.« William Smithback jr. reckte seine schlaksigen Glieder, streckte sich auf dem Sofa im Wohnzimmer aus und legte seiner Frau den Arm um die Schultern. »Gibt’s noch einen Schluck von dem Port für mich?«
Nora schenkte nach. Er hielt das Glas ins Licht und bewunderte die granatrote Farbe. Der gute Tropfen hatte ihn hundert Dollar gekostet – und er war es wert. Er nippte und atmete durch die Nase aus. »Du bist der neue Star im Museum. Wart’s ab. In fünf Jahren machen die dich zur Dekanin der naturwissenschaftlichen Abteilung.«
»Werd nicht albern.«
»Nora, in drei aufeinanderfolgenden Jahren wurde der Etat gekürzt, und trotzdem hat man deiner Forschungsreise grünes Licht gegeben. Dein neuer Chef ist doch kein Trottel.« Smithback schmiegte sein Gesicht an Noras Haar. Obwohl sie nun schon so lange verheiratet waren, fand er den Geruch – eine Spur Zimt, ein Hauch Wacholder – jedes Mal aufs Neue erregend.
»Stell dir mal vor, wir wären im kommenden Sommer wieder in Utah bei einer Ausgrabung! Das heißt, wenn du dir zu der Zeit freinehmen kannst.«
»Mir stehen für dieses Jahr noch vier Wochen Urlaub zu. Ich werde den Leuten bei der Times zwar wahnsinnig fehlen, aber dann müssen sie eben ohne mich klarkommen.« Er trank noch einen Schluck und schwenkte den Portwein im Mund. »Mit Nora Kelly auf Expedition Nummer drei gehen. Du hättest mir kein schöneres Geschenk zum Hochzeitstag machen können.«
Nora blickte ihn ironisch an. »Ich dachte eigentlich, du hättest mir das Abendessen heute geschenkt.«
»Stimmt. Das war mein Geschenk.«
»Und es war perfekt. Danke.«
Smithback erwiderte ihr Zwinkern. Er hatte Nora in sein Lieblingsrestaurant eingeladen, das Café des Artistes in der West 67. Straße. Es gab kein besseres Lokal für ein romantisches Dinner: die sanfte, verführerische Beleuchtung, die gemütlichen Polsterbänke, die pikanten Gemälde von Howard Chandler Christy an den Wänden und schließlich, als Krönung von allem, die exquisiten Speisen.
Er merkte, dass Nora ihn ansah. In ihren Augen und in dem schlauen Lächeln lag ein Versprechen, dass er sich auf noch ein Geschenk zum Hochzeitstag freuen könne. Er küsste sie auf die Wange und zog sie enger an sich.
Sie seufzte. »Sie haben mir jeden Penny bewilligt, um den ich gebeten habe.«
Smithback murmelte eine Antwort. Er war’s zufrieden, mit seiner Frau zu schmusen und das Menü, das er vorhin verzehrt hatte, Revue passieren zu lassen. Als Aperitif hatte er sich für zwei steife Martinis entschieden, als Vorspeise für den Charcuterie-Teller. Als Hauptgang konnte er dann dem Steak béarnaise nicht widerstehen, medium gebraten, mit Pommes frites und einer großen Portion Rahmspinat. Wobei er sich anschließend natürlich auch noch ordentlich bei Noras Rehrücken bedient hatte …
»Begreifst du eigentlich, was das bedeutet? Ich könnte meine Untersuchungen zur Verbreitung des Kachina-Kults im Südwesten abschließen.«
»Das wäre phantastisch.« Zum Dessert hatte es Schokoladen-Fondue für zwei gegeben und zum Abschluss verschiedene herrlich stinkige französische Käsesorten. Smithback ließ die freie Hand leicht auf seinem Bauch ruhen.
Auch Nora verfiel in Schweigen, und so blieben sie eine Weile ruhig liegen, zufrieden, die Gegenwart des anderen zu genießen.
Smithback warf seiner Frau einen verstohlenen Blick zu. Ein Gefühl des Behagens breitete sich über ihm aus wie eine Decke. Er war kein religiöser Mensch, eigentlich nicht, und doch empfand er es als Segen Gottes, hier zu sein, in dieser schicken Wohnung in der großartigsten Stadt der Welt, und genau den Job zu haben, von dem er immer geträumt hatte.
Und in Nora hatte er nicht weniger als die perfekte Partnerin gefunden. In den Jahren seit ihrem ersten Kennenlernen hatten sie viel gemeinsam durchgemacht, aber die Schwierigkeiten und Gefahren hatten sie einander nur noch näher gebracht.
Nora war nicht nur schön und grazil, hatte nicht nur einen lukrativen Job, der ihr Spaß machte, und war gefeit gegen Nörgeleien, dazu einfühlsam und intelligent, sie hatte sich auch als ideale Seelengefährtin entpuppt. Und als er sie so ansah, musste er unwillkürlich lächeln. Nora war ganz einfach zu gut, um wahr zu sein.
Sie regte sich. »Ich darf es mir nicht allzu gemütlich machen. Jedenfalls noch nicht.«
»Wieso denn nicht?«
Sie löste sich von ihm und ging in die Küche, um ihre Handtasche zu holen. »Weil ich noch etwas besorgen muss.«
Er sah verdutzt drein. »So spät noch?«
»Ich bin in zehn Minuten wieder da.« Sie kehrte zum Sofa zurück und beugte sich über ihn, strich ihm die Haare aus der Stirn und gab ihm einen Kuss. »Rühr dich ja nicht vom Fleck, mein großer Junge«, sagte sie leise.
»Machst du Witze? Ich bin der Fels von Gibraltar.«
Sie lächelte, strich ihm noch einmal übers Haar und ging dann Richtung Wohnungstür.
»Gib auf dich acht«, rief er ihr hinterher. »Denk an die merkwürdigen Päckchen, die wir bekommen haben.«
»Keine Sorge. Ich bin ein großes Mädchen.« Kurz darauf fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Smithback verschränkte die Hände hinterm Kopf und streckte sich seufzend auf dem Sofa aus. Er hörte, wie Noras Schritte auf dem Flur verhallten, dann das Klingeln des Aufzugs.
Schließlich war alles still bis auf das leise Brausen des Stadtverkehrs draußen.
Er konnte sich schon denken, wohin sie gegangen war – zur Patisserie an der Ecke. Die hatte bis Mitternacht geöffnet, und dort gab es seine Lieblingstorten. Eine besondere Vorliebe hatte Smithback für die praline génoise mit Calvados-Buttercreme. Mit etwas Glück hatte Nora zur Feier des heutigen Tages genau diesen Kuchen bestellt.
Und so lag er auf dem Sofa in dem schwach erleuchteten Apartment und lauschte den Geräuschen Manhattans. Die Cocktails, die er getrunken hatte, verlangsamten seine Denkvorgänge ein klein bisschen. Ihm fiel eine Zeile aus einer Kurzgeschichte von James Thurber ein: auf eine schläfrige, umnebelte Weise glücklich und zufrieden. Er hatte schon immer eine fraglose, völlig unkritische Zuneigung zu den Texten seines Journalistenkollegen und Schriftstellers James Thurber empfunden. Wie auch für die Geschichten von Robert E. Howard, der großartige Schundromane geschrieben hatte. Der eine, fand Smithback, hatte sich immer zu sehr bemüht, der andere zu wenig. Aus irgendeinem Grund kehrten seine Gedanken zu jenem Sommertag zurück, an dem er Nora kennengelernt hatte. Die vielen Erinnerungen tauchten wieder auf: Arizona, Lake Powell, der heiße Parkplatz, die große Limousine, in der er eingetroffen war. Er schüttelte den Kopf und lächelte. Nora Kelly war ihm zunächst wie eine ziemliche Zicke vorgekommen, eine frischgebackene Dr. phil. mit Komplexen. Andererseits hatte auch er keinen besonders guten Eindruck gemacht und sich wie ein Vollidiot aufgeführt, das stand mal fest. Doch das lag jetzt vier Jahre zurück, oder fünf … Herrje, war die Zeit wirklich so schnell vergangen?
Von draußen vor der Wohnungstür war ein Scharren zu hören, dann das Kratzen eines Schlüssels im Schloss. Nora? Schon zurück?
Er wartete darauf, dass sich die Tür öffnete, aber stattdessen kratzte der Schlüssel noch einmal, als habe Nora Schwierigkeiten mit dem Schloss. Vielleicht balancierte sie ja einen Kuchen auf dem Arm. Er wollte gerade aufstehen, um ihr zu öffnen, als die Tür plötzlich knarrend aufging und im Eingangsflur Schritte zu hören waren.
»Wie versprochen, ich bin immer noch da«, rief er. »Mr. Gibraltar persönlich.«
Er hörte noch einen Schritt. Irgendwie klang das aber nicht nach Nora. Er war zu langsam und schwer und hörte sich irgendwie watschelnd, unsicher an.
Smithback setzte sich auf dem Sofa auf. In der kleinen Diele zeichnete sich undeutlich eine Gestalt ab, erhellt vom Licht aus dem dahinterliegenden Korridor außerhalb der Wohnung. Die Gestalt war so groß und breitschultrig, dass es sich unmöglich um Nora handeln konnte.
»Wer zum Teufel sind Sie?«, rief Smithback. Rasch griff er nach der Lampe auf dem Beistelltisch neben sich und knipste sie an. Er erkannte die Person fast auf Anhieb.
Oder meinte doch, sie zu erkennen – aber irgendetwas stimmte mit dem Gesicht nicht. Es war aschfahl, aufgedunsen, fast breiig. Es wirkte krank … oder Schlimmeres.
»Colin?«, rief Smithback. »Sind Sie’s? Was zum Teufel machen Sie in meiner Wohnung?«
In diesem Augenblick sah er das Schlachtermesser.
Sofort sprang er auf. Die Gestalt schlurfte ein paar Schritte näher und versperrte ihm den Weg. Ein kurzer, furchtbarer Moment des Stillstands. Dann stach das Messer zu, mit furchterregender Geschwindigkeit sauste es durch die Luft, dorthin, wo Smithback vor weniger als einer Sekunde noch gestanden hatte.
»Was zum Teufel … ?«, brüllte Smithback.
Wieder stach das Messer zu. Verzweifelt versuchte er, dem Hieb auszuweichen, fiel über den Beistelltisch und stieß ihn dabei um. Er rappelte sich auf und schaute seinem Angreifer mitten ins Gesicht – tief in der Hocke, die Hände abwehrend geöffnet, die Finger gespreizt und bereit. Rasch blickte er sich nach einer Waffe um. Nichts. Der Kerl stand zwischen ihm und der Küche. Wenn er an ihm vorbeikam, könnte er sich ein Messer schnappen und Waffengleichheit herstellen.
Er zog leicht den Kopf ein, hielt einen Ellbogen nach vorn und griff an. Der Mann taumelte unter der Attacke zwar nach hinten, aber im letzten Augenblick zuckte die Hand mit dem Messer nach vorn und schlitzte Smithback den Arm auf, eine tiefe Wunde vom Ellbogen bis zur Schulter. Vor Überraschung und Schmerz schrie Smithback auf und drehte sich zu einer Seite weg – und empfand gleichzeitig einen extrem kalten Schmerz, als ihm das Messer tief ins Kreuz gerammt wurde.
Die Klinge schien endlos in ihn einzudringen und seine innersten Organe zu treffen, so dass ihn ein Schmerz durchzuckte, wie er ihn ähnlich nur einmal im Leben verspürt hatte.
Smithback keuchte auf, stürzte zu Boden und versuchte zu fliehen. Er spürte, wie das Messer aus ihm herausgezogen, dann wieder hineingestoßen wurde. Plötzlich war da etwas Feuchtes auf seinem Rücken, als ob ihn jemand mit warmem Wasser übergießen würde.
Er mobilisierte all seine Kräfte und rappelte sich auf. Mit dem Mut der Verzweiflung ging er auf seinen Angreifer los und schlug mit den blanken Fäusten auf ihn ein. Wieder und wieder zerschnitt das Messer Smithbacks Handknöchel, aber das spürte er schon nicht mehr. Unter seinem wütenden Angriff taumelte der Mann nach hinten. Das war seine Chance! Blitzartig machte er kehrt, in der Absicht, sich in die Küche zurückzuziehen. Aber es kam ihm vor, als ob der Fußboden aus der Waagerechten kippte, außerdem verspürte er inzwischen bei jedem Atemzug ein merkwürdiges Brodeln in der Brust. Er wankte in die Küche. Keuchend und um sein Gleichgewicht ringend tastete er mit feuchten Händen nach der Schublade mit den Küchenmessern. Aber noch während er sie aufzog, sah er einen Schatten auf den Küchentresen fallen … und dann traf ihn nochmals ein furchtbar tiefer Messerstich, diesmal zwischen den Schulterblättern. Er versuchte sich fortzudrehen, aber immer wieder stieß das Messer zu, hob und senkte sich, bis die karmesinrote Klinge immer undeutlicher und es rings um ihn dunkel wurde …
So hebt mich auf den Scheiterhaufen – alles vergangen, getan; das
Fest ist vorbei, und alle Lichter aus fortan …
Die Fahrstuhltüren glitten auseinander. Nora trat hinaus in den Flur. Sie hatte sich beeilt, und mit ein wenig Glück würde Bill noch auf dem Sofa liegen, vielleicht den Roman von Thackeray lesen, von dem er ihr schon die ganze Woche vorgeschwärmt hatte. Behutsam balancierte sie den Kuchen-Karton auf der Handfläche, während sie mit der anderen Hand nach dem Wohnungsschlüssel suchte. Bill hatte bestimmt schon erraten, wohin sie gegangen war, aber es war eben schwer, den Partner am ersten Hochzeitstag zu überraschen …
Irgendetwas stimmte nicht. Sie war so in Gedanken versunken, dass ihr erst nach einem Moment klar wurde, was sie störte: Die Wohnungstür stand sperrangelweit offen.
Jemand kam aus der Wohnung. Nora kannte den Mann. Seine Kleidung war blutdurchtränkt, in der Hand hielt er ein großes Messer. Und während er stehen blieb und zu ihr hinblickte, tropfte von seinem Messer Blut auf den Boden. Instinktiv und ohne nachzudenken ließ Nora den Kuchen-Karton und den Schlüssel fallen und stürzte sich auf ihn.
Gleichzeitig kamen Nachbarn aus ihren Wohnungen, riefen vor Angst und Schrecken laut durcheinander. Als sie auf den Mann losging, hob dieser das Messer, aber sie schlug seine Hand weg und versetzte ihm einen Schlag in den Solarplexus. Er holte aus und schleuderte sie gegen die gegenüberliegende Wand des Flurs, so dass sie mit dem Kopf auf den harten Verputz prallte. Nora sank zu Boden und sah nur noch Sternchen. Mit erhobenem Messer schlurfte er auf sie zu. Sie wich der Klinge aus, mit der er von oben auf sie einstechen wollte, dann versetzte er ihr einen brutalen Fußtritt gegen den Kopf und holte nochmals mit dem Messer aus. Schreie hallten auf dem Korridor wider. Doch Nora hörte sie nicht. Sie konnte nichts mehr erkennen, sondern sah nur noch verschwommene Bilder. Und dann verschwanden auch die.
2
Lieutenant Vincent D’Agosta stand in dem proppevollen Korridor vor der Tür zur Zweizimmerwohnung von Nora Kelly und Bill Smithback. Er zuckte in seinem braunen Anzug mit den Schultern und versuchte, die feuchten Arme von seinem Polyesterhemd zu lösen. Er war sehr zornig, was aber gar nicht gut war. Es würde nur seine Ermittlungen beeinflussen und ihn daran hindern, alles genau unter die Lupe zu nehmen. Er holte tief Luft und stieß sie wieder aus, um seine Wut vielleicht auf diese Weise loszuwerden.
Die Wohnungstür ging auf. Ein hagerer, gebeugter Mann mit einem kleinen Haarbüschel auf der Glatze trat aus der Wohnung. Er schleppte einen Sack mit Gerätschaften und schob einen auf einem Kofferkuli festgezurrten Aluminiumkoffer vor sich her. »Wir sind fertig, Lieutenant.« Der Mann schnappte sich von einem anderen Beamten ein Klemmbrett und meldete sich ab, sein Assistent ebenso.
D’Agosta schaute auf die Uhr: 15 Uhr. Die Leute von der Spurensicherung hatten lange gebraucht. Sie waren besonders sorgfältig vorgegangen. Ihnen war klar, dass er und Smithback sich schon lange kannten. Es ärgerte ihn, dass sie sich mit gesenktem Kopf an ihm vorbeistahlen, ihn von der Seite ansahen und sich fragten, wie er mit der Sache wohl fertig werden würde. Ob er den Fall abgeben würde. Viele Detectives im Morddezernat würden das tun – und sei es nur deshalb, weil es im Gerichtssaal zu Fragen kommen würde. Es machte nämlich gar keinen guten Eindruck, wenn die Verteidigung einen in den Zeugenstand rief und fragte: »Der Verstorbene war ein Freund von Ihnen? Also finden Sie nicht, dass das ein ziemlich interessanter Zufall ist?« Auf derlei Komplikationen sollte man in Gerichtsverfahren tunlichst verzichten, außerdem konnte kein Bezirksstaatsanwalt es ausstehen, wenn sich so etwas ergab.
Aber D’Agosta dachte nicht daran, diesen Mordfall abzugeben. Niemals. Außerdem war die Sache glasklar. Der Täter war so gut wie verurteilt, sie hatten ihn praktisch auf frischer Tat ertappt. Jetzt mussten sie den Dreckskerl nur noch finden.
Der letzte Mitarbeiter des Spurensicherungsteams kam aus der Wohnung und checkte aus. D’Agosta blieb allein mit seinen Gedanken zurück. Eine Minute lang stand er auf dem inzwischen menschenleeren Flur und bemühte sich, seine angespannten Nerven zu beruhigen. Dann streifte er ein Paar Latexhandschuhe über, zog das Haarnetz über seine beginnende Glatze und ging zur offenen Wohnungstür. Ihm war leicht übel. Die Leiche war natürlich abtransportiert worden, aber sonst hatte man nichts angerührt. Dort, wo der Eingangsflur im rechten Winkel abbog, waren ein schmaler Streifendes dahinterliegenden Zimmers und eine Blutlache zu erkennen, zudem blutige Fußabdrücke und der Abdruck einer Hand, die an der cremefarbenen Wand hinuntergezogen worden war.
D’Agosta machte einen behutsamen Schritt über die Blutlache und blieb vor dem Wohnzimmer stehen. Ledersofa, zwei Sessel, umgestürzter Beistelltisch, weitere Blutflecken auf dem Perserteppich. Er ging langsam bis zur Zimmermitte, wobei er ganz vorsichtig mit seinen Schuhen mit den Kreppsohlen auftrat, blieb stehen, drehte sich um und versuchte, sich das Tatgeschehen zu vergegenwärtigen.
D’Agosta hatte das Team gebeten, umfangreiche Proben der Blutflecken zu nehmen; es gab da überlappende Muster von Blutspritzern, die er abklären wollte, Fußabdrücke, die sich durchs Blut zogen, übereinanderliegende Abdrücke von Händen.
Smithback hatte sich wie ein Löwe gewehrt; ausgeschlossen, dass der Täter geflohen war, ohne DNA-Spuren hinterlassen zu haben.
Auf den ersten Blick handelte es sich um ein simples Verbrechen, einen schlecht geplanten, schmutzigen Mord. Der Täter hatte sich mit einem Hauptschlüssel Zutritt zur Wohnung verschafft. Smithback hielt sich im Wohnzimmer auf. Der Mörder stach auf Smithback ein, was diesen sofort stark in die Defensive drängte. Dann hatten Täter und Opfer gekämpft. Der Kampf hatte sich in der Küche fortgesetzt – Smithback hatte versucht, sich zu bewaffnen: Die Messer-Schublade stand halb offen, am Griff und auf dem Küchentresen befanden sich blutige Abdrücke von Händen. Er hatte sich aber kein Messer schnappen können; verdammt schade. Hatte währenddessen einen Messerstich in den Rücken bekommen. Dann hatten sie noch einmal gekämpft. Inzwischen musste Smithback ziemlich übel verletzt gewesen sein, überall auf dem Boden waren Blut und Rutschflecken von nackten Füßen. Aber D’Agosta war sich ziemlich sicher, dass auch der Täter mittlerweile blutete. Blutete, Haare und Fasern verlor, keuchte und schnaufte vor Anstrengung, vielleicht Speichel und Schleim verspritzte. Es war alles da, und er war überzeugt davon, dass das Spurensicherungsteam nichts übersehen hatte. Die hatten sogar mehrere Dielenbretter ausgesägt und mitgenommen, darunter auch mehrere mit Messerspuren. Sie hatten Stücke aus der Trockenbauwand herausgeschnitten, Fingerabdrücke von allen Oberflächen genommen, jede Faser eingesammelt, die sie finden konnten, jede Fluse und jedes Fitzelchen Schmutz.
D’Agosta ließ den Blick weiter durch das Zimmer schweifen, während in seinem Kopf der Film über das Verbrechen weiter ablief. Schließlich hatte Smithback sehr viel Blut verloren und war so weit geschwächt gewesen, dass der Mörder ihm den Todesstoß versetzen konnte. Laut Aussage des Pathologen war das Messer mitten durchs Herz gestoßen worden und hatte sich mehr als einen Zentimeter tief in den Fußboden gebohrt.
Der Täter hatte es, um es herauszuziehen, so heftig gedreht, dass das Holz gesplittert war. D’Agosta merkte, dass er wieder eine ungeheure Wut und Trauer empfand. Auch dieses Dielenbrett war herausgesägt worden.
Nicht, dass all die Aufmerksamkeit für Details einen großen Unterschied machte – sie wussten ja schon, wer der Täter war. Es konnte dennoch nie schaden, Beweismittel anzuhäufen. Man wusste ja nie, mit was für Geschworenen man es in dieser verrückten Stadt zu tun haben würde.
Und dann war da noch dieser bizarre Krempel, den der Mörder zurückgelassen hatte. Ein zermanschtes Gebinde aus Federn, verschnürt mit grünem Bindfaden. Ein Kleidungsstück, bestickt mit knallbunten Pailletten. Ein kleines Beutelchen aus Backpapier mit einer merkwürdigen Zeichnung darauf. Der Mörder hatte das alles in die Blutlache gelegt wie Opfergaben. Die Jungs von der Spurensicherung hatten die Sachen zwar alle mitgenommen, aber sie standen D’Agosta noch deutlich vor Augen.
Eine Sache hatten die Spurensicherungsleute allerdings nicht mitnehmen können: das eilig hingekritzelte Bild an der Wand. Zwei Schlangen, die sich um irgendein merkwürdiges, stacheliges, pflanzenähnliches Etwas wanden, dazu Sterne, Pfeile, komplizierte Linien und ein Wort, das aussah wie »Dambala«. Das Bild war ohne Zweifel mit Smithbacks Blut gemalt worden.
D’Agosta ging in das Schlafzimmer und nahm das Bett in Augenschein, die Kommode, den Spiegel, das Fenster mit Blick nach Südosten auf die West End Avenue, den Teppich, die Wände, die Decke. Am gegenüberliegenden Ende des Zimmers befand sich ein zweites Bad, die Tür war verschlossen. Aus dem Bad drang ein Geräusch: der Wasserhahn, der auf und zugedreht wurde. Jemand von der Spurensicherung befand sich also noch in der Wohnung. D’Agosta ging mit langen Schritten hin, packte den Türgriff und stellte fest, dass die Tür abgeschlossen war.
»He, Sie da drin! Was machen Sie da?«
»Nur einen Moment«, ließ sich eine gedämpfte Stimme vernehmen.
D’Agostas Erstaunen verwandelte sich in Verärgerung. Der Idiot war auf die Toilette gegangen. Und das an einem versiegelten Tatort. Irre. Unfassbar.
»Machen Sie die Tür auf, mein Freund. Sofort.«
Die Tür sprang auf – und vor ihm stand Special Agent A. X. L. Pendergast, Reagenzgläser in einem kleinen Gestell in der einen Hand, Pinzette in der anderen, eine Juwelierlupe an einem
Stirnband auf dem Kopf.
»Vincent«, begann er in seinem vertrauten, seidenweichen Tonfall. »Es tut mir so leid, dass wir uns unter solch unglücklichen
Umständen wiedersehen.«
D’Agosta starrte ihn entgeistert an. »Pendergast – ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie wieder in der Stadt sind.«
Pendergast steckte die Pinzette geschickt ein und legte das Gestell mit den Reagenzgläsern, dann die Lupe in seine altmodische Arzttasche. »Der Mörder war weder hier drin noch im Schlafzimmer. Eine recht offensichtliche Schlussfolgerung, aber ich wollte sichergehen.«
»Ist das jetzt ein Fall für das FBI?«, fragte D’Agosta und folgte Pendergast durch das Schlafzimmer ins Wohnzimmer.
»Streng genommen nicht.«
»Dann arbeiten Sie also wieder frei?«
»So könnte man das ausdrücken. Ich würde es allerdings sehr begrüßen, wenn wir meine Beteiligung vorerst für uns behielten.
« Er drehte sich um. »Ihre Meinung, Vincent?«
D’Agosta legte seine Rekonstruktion des Verbrechens dar, während Pendergast zustimmend nickte. »Nicht, dass das einen großen Unterschied macht«, fasste D’Agosta zusammen.
»Wir wissen ja bereits, wer der Dreckskerl ist. Wir müssen ihn nur noch finden.«
Pendergast hob fragend die Brauen.
»Er wohnt hier im Haus. Wir haben zwei Augenzeugen, die den Täter gesehen haben, als er das Gebäude betreten, und zwei, als er es verlassen hat, von oben bis unten mit Blut besudelt, ein Messer in der Hand. Er hat Nora Kelly attackiert, als er die Wohnung verließ – hat es versucht, sollte ich sagen, aber der Kampf hat die Nachbarn alarmiert, und da ist er geflüchtet.
Sie haben ihn genau erkannt, die Nachbarn, meine ich. Nora liegt im Moment im Krankenhaus – eine kleine Gehirnerschütterung, es dürfte ihr aber gut gehen. Na ja, den Umständen entsprechend gut.«
Pendergast nickte kurz.
»Der Arsch heißt Fearing. Colin Fearing. Arbeitsloser britischer Schauspieler. Apartment zwei-eins-vier. Er hat Nora ein paarmal in der Lobby belästigt. Für mich sieht das nach einer Vergewaltigung aus, die außer Kontrolle geraten ist. Fearing hatte vermutlich gehofft, Nora allein in der Wohnung anzutreffen, aber stattdessen war Smithback da. Kann sein, dass er den Schlüssel aus dem Schlüsselschrank des Hausmeisters entwendet hat. Ich lasse das gerade von einem Beamten überprüfen.«
Diesmal nickte Pendergast allerdings nicht bestätigend. Nur der übliche undurchdringliche Ausdruck lag in seinen tiefliegenden, blassblauen Augen.
»Wie auch immer, der Fall ist glasklar«, sagte D’Agosta, der sich trotzdem irgendwie in die Defensive gedrängt fühlte.
»Nicht nur Nora hat ihn identifiziert. Er ist auf den Videobändern der Security des Gebäudes zu sehen, eine oscarreife Darstellung. Kommt rein und geht raus. Von dem Moment, als er das Gebäude verließ, haben wir eine Frontalaufnahme, wie er, Messer in der Hand, von oben bis unten mit Blut besudelt, seinen bedauernswerten Hintern durch die Lobby schleppt, den Doorman bedroht und dann abhaut. Wird bei den Geschworenen einen klasse Eindruck hinterlassen. Da kann sich der Dreckskerl nicht rausreden.«
»Ein glasklarer Fall, sagten Sie?«
Wieder hörte D’Agosta einen leisen Zweifel in Pendergasts Stimme.
»Ja«, sagte er bestimmt. »Glasklar.« Er sah auf die Uhr. »Der Doorman wird im Moment befragt, meine Leute warten auf mich. Er wird einen fabelhaften Zeugen abgeben, ein verlässlicher, solider Familienvater, der den Täter seit Jahren kannte. Möchten Sie ihm irgendwelche Fragen stellen, bevor wir ihn nach Hause schicken?«
»Mit dem größten Vergnügen. Aber bevor wir nach unten gehen …« Pendergast unterbrach sich. Mit seinen spinnedünnen weißen Fingern griff er in die Brusttasche seines schwarzen Anzugs und zog ein gefaltetes Dokument hervor. Mit eleganter, knapper Handbewegung hielt er es D’Agosta hin.
»Was ist das?« D’Agosta nahm das Schriftstück entgegen, faltete es auseinander und betrachtete den roten notariellen Stempel, das Große Siegel der Stadt New York, den edlen Druck, die Unterschriften.
»Colin Fearings Sterbeurkunde. Vor zehn Tagen unterschrieben
und datiert.«
