Leseprobe
Agnes Torres stellte ihren weißen Ford Escort auf der schmalen
Parkfläche vor der fast vier Meter hohen Hecke ab, stieg aus und atmete
tief die kühle Morgenluft ein. Ein kurzer Blick nach oben bestätigte
ihr, was sie ohnehin wusste: Mehr als das spitze Schindeldach war von
dem großen Haus nicht auszumachen.
An der dichten Hecke prallten neugierige Blicke wie an einer
Backsteinmauer ab. Sie verschloss sorgfältig den Wagen – eine
Vorkehrung, die ihr selbst in dieser gepflegten Wohngegend geboten
schien –, suchte den passenden Schlüssel an ihrem umfangreichen
Schlüsselbund und schob ihn ins Schloss. Das wuchtige, schmiedeeiserne
Tor schwang auf und gab den Blick auf die Rasenfläche frei, die sich
knapp dreihundert Meter weit bis zu dem von zwei Dünen gesäumten Strand
erstreckt.
Doch dann fing auf einem Tastenfeld direkt hinter
dem Tor ein rotes Lämpchen zu blinken an – ein Warnzeichen, das ihre
Nerven flattern ließ, denn von nun an blieben ihr nur dreißig Sekunden,
um den Code einzugeben. Danach würde der Alarm ausgelöst. Einmal war
ihr der Schlüsselbund aus der Hand gerutscht, und weil sie deshalb den
Code nicht rechtzeitig eingeben konnte, hatte prompt die Alarmsirene
losgeheult und die ganze Nachbarschaft aufgeweckt. Die Polizei war mit
drei Streifenwagen angerückt, und Mr Jeremy hatte vor Wut Gift und
Galle gespuckt – es war einfach schrecklich gewesen!
Diesmal
schaffte sie es, alle Kennziffern rechtzeitig einzutippen, die
Kontrolllampe zeigte grünes Licht, das Tor schloss sich. Sie atmete
erleichtert auf und bekreuzigte sich dankbar. Alsdann griff sie zum
Rosenkranz, fasste die erste Perle mit zwei Fingern, und da sie wusste,
dass sie nun gegen alle Unbill gerüstet war, schickte sie sich an, den
Rasen zu überqueren. Wie immer, wenn sie das Grove’sche Anwesen betrat,
ging sie langsam und betete dabei leise und auf Spanisch ein paar
Perlen des Rosenkranzes.
Das weitläufige, düstere Haus war in
Dunkel gehüllt, nur aus dem winzigen Fenster im Dachgiebel fiel ein
gelber Lichtschimmer, der Agnes ein wenig an das missgünstig blinzelnde
Auge eines Zyklopen erinnerte. Während über ihr unablässig mit
schrillem Schreien die Seemöwen kreisten, wunderte sie sich ein wenig
über den gelblichen Schimmer, denn sie hatte im Giebelfenster noch nie
Licht gesehen. Was um alles in der Welt mochte Mr Jeremy morgens um
sieben auf den Dachboden gelockt haben, obwohl er doch gewöhnlich nie
vor der Mittagszeit aufstand?
Sie beendete ihr morgendliches
Gebet und steckte den Rosenkranz ein, freilich nicht, ohne die in
vielen Putzfrauenjahren rau gewordene Hand von der Stirn über den Mund
zum Herzen huschen zu lassen.
Sie folgte dem gewundenen,
gepflasterten Weg zum Dienstboteneingang des Hauses, schob einen
weiteren Schlüssel in das Schloss der Hintertür und durchlitt wieder
tausend Ängste, bis das flackernde Warnlicht erlosch und sie sicher
sein konnte, den richtigen Code eingegeben zu haben. Die hinteren Räume
kamen ihr jedes Mal bedrückend düster und grau vor. Auch dem Blick aus
den unterteilten Fenstern konnte Agnes nichts abgewinnen. Aufgewühltes
Meer und angeschwemmter
Seetang, so weit das Auge reichte. Außerdem war es hier hinten sehr warm, um nicht zu sagen unangenehm heiß.
Sie schnüffelte. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft, wie von einem
Braten, der zu lange im Ofen geblieben und angebrannt war. Sie ging in
die Küche, aber dort schmorte und brutzelte nichts. In der Spüle türmte
sich wie üblich das benutzte Geschirr, doch war dies nicht die Quelle
des Geruchs. Mr Jeremy hatte offenbar Fisch gekocht. Normalerweise
hatte sie dienstags ihren freien Tag, aber am Abend zuvor hatte er
wieder eine seiner unzähligen Dinnerpartys gegeben und hatte sie
deshalb gebeten, heute zu kommen. Die Saison dafür war zwar schon lange
vorüber, aber wie sie Mr Jeremy kannte, würde er seine Partys sicher
noch bis in den November hinein feiern.
Sie trat ins
Wohnzimmer und schnupperte abermals. Irgendwo brutzelte etwas, da gab
es nichts zu deuteln. Und jetzt mischte sich noch ein anderer Geruch
darunter – als habe jemand mit Streichhölzern gezündelt. Nicht, dass
sie alarmiert gewesen wäre, aber eine gewisse Unruhe konnte sie nicht
leugnen. Bis auf die übervollen Aschenbecher, die leeren Weinflaschen,
das schmutzige Geschirr und den auf dem Teppich breit getretenen
Weichkäse sah alles so aus, wie sie es von gestern Nachmittag kurz nach
zwei in Erinnerung hatte. Trotzdem, irgendwie kam ihr das Ganze nicht
geheuer vor. Sie reckte ihren plumpen Hals und schnupperte noch einmal.
Der seltsame Geruch kam zweifellos von oben. Ohne einen Laut stieg sie
die gewundene Treppe hinauf,
wobei sie von Zeit zu Zeit
stehen blieb, um abermals zu schnuppern. Nachdem sie leise wie auf
Katzenpfoten am Arbeitszimmer des Hausherrn und seinem Schlafzimmer
vorbeigeschlichen war, lag vor ihr die Tür zum Dachgeschoss.
Der Geruch war beißender und die Hitze noch drückender geworden. Sie
versuchte ihr Glück mit der Türklinke, stellte aber verblüfft fest,
dass die Tür verschlossen war. Wieder zog sie ihren Schlüsselbund
hervor, fummelte nach dem passenden Schlüssel und öffnete die Tür.
Madre de Dios – der Gestank war kaum auszuhalten. Sie erklomm die
steile Treppe. Ihren arthritischen Beinen zuliebe legte Agnes auf der
obersten Stufe eine kleine Verschnaufpause ein, riskierte aber schon
mal einen neugierigen Blick ins Dachgeschoss. Der lang gezogene Flur
schien kein Ende zu nehmen. Hier oben wäre reichlich Platz für ein
Dutzend Kinderzimmer, ein großes Spielzimmer und etliche Badezimmer
gewesen, nur, für all das hatte Mr Jeremy nie Verwendung gehabt. Im
nächsten Augenblick zuckte sie erschrocken zusammen. Unter der Tür am
Ende des langen Flurs entdeckte sie einen gelblichen Lichtschimmer.
Widerstrebend ging sie langsam darauf zu.
Ihr Herz hämmerte
laut, aber weil sie mit der Linken den Rosenkranz umklammert hielt,
wusste sie sich sicher. Der beißende Geruch wurde stärker, je näher sie
der Tür kam. Sie klopfte so leise wie möglich an, denn es konnte ja
sein, dass einer von Mr Jeremys Gästen hier oben seinen Rausch
ausschlief. Drinnen rührte sich nichts. Sie fasste nach dem Türknauf,
der sich ungewöhnlich warm anfühlte. In der Dachkammer war doch
hoffentlich kein Brand ausgebrochen?
Nicht auszudenken, wenn
jemand mit einer brennenden Zigarette in der Hand eingeschlafen war! Es
roch eindeutig nach Rauch, aber irgendwie kam es ihr vor, als mische
sich noch ein anderer, stärkerer Geruch dazu. Sie rüttelte am Türknauf,
aber der war verschlossen. Unwillkürlich musste sie an ihre Zeit in der
Klosterschule und die Nacht denken, in der die kauzige Schwester Ana
gestorben war. Da war ihnen auch nichts anderes übrig geblieben, als
die Tür aufzubrechen. Wer weiß, vielleicht lag dort drin auch jemand,
der krank war und Hilfe brauchte?
Es half alles nichts, sie
musste ihr Glück wieder mit ihrem Schlüsselbund versuchen. Ein
mühseliges Puzzlespiel, erst beim zehnten Versuch traf sie ins
Schwarze. Sie wagte vor Aufregung kaum zu atmen, aber dann fasste sie
Mut und wollte die Tür aufschieben. Nur, die verflixte Tür war durch
irgendetwas blockiert. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen das
Hindernis, bis es in der Dachkammer auf einmal laut zu rumpeln und zu
poltern begann.
Santa Maria, bei dem Lärm musste Mr Jeremy ja aufwachen!
Erst als alles still blieb, wagte sie, sich noch einmal gegen die Tür
zu stemmen, diesmal so lange, bis sie ihren Kopf durch den Türspalt
schieben konnte.
Ein übler Gestank schlug ihr entgegen. Es
war heiß wie in einem Backofen. An den Spinnweben konnte sie sofort
sehen, dass der Raum seit Jahren nicht mehr benutzt worden war. Es sah
so aus, als wären sämtliche Möbel als Barriere vor die Tür geschoben
worden. Bis auf das Bett, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Und
auf diesem Bett lag eine Gestalt, genauer gesagt ein Mann. Nicht etwa
im Schlafanzug oder im Nachthemd, nein, im korrekten Abendanzug.
»Mr Jeremy?«
Aber Agnes Torres wusste bereits, dass er nicht antworten würde. Er lag
nicht schlafend da. Niemand schläft mit offenen Augen und weit
aufgerissenem Mund, aus dem die Zunge – schwarz und zur Größe eines
Chorizowürstchens angeschwollen – aufragt wie ein Fahnenmast. Niemand
schläft mit hoch gereckten Armen und zur Faust geballten Händen,
zwischen deren Fingern das Blut hervorquillt. Schlafende lagen nicht
mit verkohltem und in sich zusammengefallenem Oberkörper da wie ein
Scheit Kaminholz. Agnes kannte sich aus, sie hatte während ihrer
Kindheit in Kolumbien viele Tote gesehen. Und Mr Jeremy war so tot, wie
Tote nur sein können.
Während sie noch auf den Leichnam
starrte, hörte sie plötzlich jemanden sprechen. Es dauerte eine Weile,
bis ihr klar wurde, dass sie selbst es war, die zu murmeln begonnen
hatte:
En el nombre del Padre, y del Hijo, y del Espíritu
Santo … Um ganz sicherzugehen, schlug sie rasch das Kreuzzeichen und
griff eilends nach ihrem Rosenkranz. Im selben Moment entdeckte sie das
Brandzeichen am Fußende des Bettes. Und da wusste sie, was Mr Jeremy
Grove widerfahren war.
Ein lautes Seufzen, ähnlich einem
erstickten Schrei, dann hatte sie die erste Panik überwunden.
Sorgfältig verschloss sie die Tür der Dachkammer, und genauso
gewissenhaft verfuhr sie bei allen anderen, die sie geöffnet hatte. Was
ihr freilich, wie sie sehr wohl wusste, nur gelingen konnte, weil sie
den Rosenkranz fest umklammert hielt, von Zeit zu Zeit das Kreuzzeichen
schlug und unermüdlich vor sich hin murmelte:
Creo en Dios,
Padre todopoderoso, creador del cielo y de la tierra. Erst als die
letzte Treppenstufe hinter ihr lag, erlaubte sie sich die Schwäche, vor
Erleichterung zu schluchzen – aber nur ganz leise, fast lautlos. Sie
hatte das Zeichen mit eigenen Augen gesehen: ein eingebrannter
Hufabdruck. Der Teufel persönlich hatte Jeremy Grove seine Aufwartung
gemacht.
