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Cover
VERLAG

Knaur TB

SEITENZAHL

624

AUSSTATTUNG

SC

PREIS

EUR (D) 9,99

ISBN

3-426-63171-7

ISBN-13

978-3-426-63171-3

ERSCHEINUNGSTERMIN

2007-03-01

 

Leseprobe




Agnes Torres stellte ihren weißen Ford Escort auf der schmalen Parkfläche vor der fast vier Meter hohen Hecke ab, stieg aus und atmete tief die kühle Morgenluft ein. Ein kurzer Blick nach oben bestätigte ihr, was sie ohnehin wusste: Mehr als das spitze Schindeldach war von dem großen Haus nicht auszumachen.

An der dichten Hecke prallten neugierige Blicke wie an einer Backsteinmauer ab. Sie verschloss sorgfältig den Wagen – eine Vorkehrung, die ihr selbst in dieser gepflegten Wohngegend geboten schien –, suchte den passenden Schlüssel an ihrem umfangreichen Schlüsselbund und schob ihn ins Schloss. Das wuchtige, schmiedeeiserne Tor schwang auf und gab den Blick auf die Rasenfläche frei, die sich knapp dreihundert Meter weit bis zu dem von zwei Dünen gesäumten Strand erstreckt.

Doch dann fing auf einem Tastenfeld direkt hinter dem Tor ein rotes Lämpchen zu blinken an – ein Warnzeichen, das ihre Nerven flattern ließ, denn von nun an blieben ihr nur dreißig Sekunden, um den Code einzugeben. Danach würde der Alarm ausgelöst. Einmal war ihr der Schlüsselbund aus der Hand gerutscht, und weil sie deshalb den Code nicht rechtzeitig eingeben konnte, hatte prompt die Alarmsirene losgeheult und die ganze Nachbarschaft aufgeweckt. Die Polizei war mit drei Streifenwagen angerückt, und Mr Jeremy hatte vor Wut Gift und Galle gespuckt – es war einfach schrecklich gewesen!

Diesmal schaffte sie es, alle Kennziffern rechtzeitig einzutippen, die Kontrolllampe zeigte grünes Licht, das Tor schloss sich. Sie atmete erleichtert auf und bekreuzigte sich dankbar. Alsdann griff sie zum Rosenkranz, fasste die erste Perle mit zwei Fingern, und da sie wusste, dass sie nun gegen alle Unbill gerüstet war, schickte sie sich an, den Rasen zu überqueren. Wie immer, wenn sie das Grove’sche Anwesen betrat, ging sie langsam und betete dabei leise und auf Spanisch ein paar Perlen des Rosenkranzes.

Das weitläufige, düstere Haus war in Dunkel gehüllt, nur aus dem winzigen Fenster im Dachgiebel fiel ein gelber Lichtschimmer, der Agnes ein wenig an das missgünstig blinzelnde Auge eines Zyklopen erinnerte. Während über ihr unablässig mit schrillem Schreien die Seemöwen kreisten, wunderte sie sich ein wenig über den gelblichen Schimmer, denn sie hatte im Giebelfenster noch nie Licht gesehen. Was um alles in der Welt mochte Mr Jeremy morgens um sieben auf den Dachboden gelockt haben, obwohl er doch gewöhnlich nie vor der Mittagszeit aufstand?

Sie beendete ihr morgendliches Gebet und steckte den Rosenkranz ein, freilich nicht, ohne die in vielen Putzfrauenjahren rau gewordene Hand von der Stirn über den Mund zum Herzen huschen zu lassen.

Sie folgte dem gewundenen, gepflasterten Weg zum Dienstboteneingang des Hauses, schob einen weiteren Schlüssel in das Schloss der Hintertür und durchlitt wieder tausend Ängste, bis das flackernde Warnlicht erlosch und sie sicher sein konnte, den richtigen Code eingegeben zu haben. Die hinteren Räume kamen ihr jedes Mal bedrückend düster und grau vor. Auch dem Blick aus den unterteilten Fenstern konnte Agnes nichts abgewinnen. Aufgewühltes Meer und angeschwemmter

Seetang, so weit das Auge reichte. Außerdem war es hier hinten sehr warm, um nicht zu sagen unangenehm heiß.

Sie schnüffelte. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft, wie von einem Braten, der zu lange im Ofen geblieben und angebrannt war. Sie ging in die Küche, aber dort schmorte und brutzelte nichts. In der Spüle türmte sich wie üblich das benutzte Geschirr, doch war dies nicht die Quelle des Geruchs. Mr Jeremy hatte offenbar Fisch gekocht. Normalerweise hatte sie dienstags ihren freien Tag, aber am Abend zuvor hatte er wieder eine seiner unzähligen Dinnerpartys gegeben und hatte sie deshalb gebeten, heute zu kommen. Die Saison dafür war zwar schon lange vorüber, aber wie sie Mr Jeremy kannte, würde er seine Partys sicher noch bis in den November hinein feiern.

Sie trat ins Wohnzimmer und schnupperte abermals. Irgendwo brutzelte etwas, da gab es nichts zu deuteln. Und jetzt mischte sich noch ein anderer Geruch darunter – als habe jemand mit Streichhölzern gezündelt. Nicht, dass sie alarmiert gewesen wäre, aber eine gewisse Unruhe konnte sie nicht leugnen. Bis auf die übervollen Aschenbecher, die leeren Weinflaschen, das schmutzige Geschirr und den auf dem Teppich breit getretenen Weichkäse sah alles so aus, wie sie es von gestern Nachmittag kurz nach zwei in Erinnerung hatte. Trotzdem, irgendwie kam ihr das Ganze nicht geheuer vor. Sie reckte ihren plumpen Hals und schnupperte noch einmal. Der seltsame Geruch kam zweifellos von oben. Ohne einen Laut stieg sie die gewundene Treppe hinauf,

wobei sie von Zeit zu Zeit stehen blieb, um abermals zu schnuppern. Nachdem sie leise wie auf Katzenpfoten am Arbeitszimmer des Hausherrn und seinem Schlafzimmer vorbeigeschlichen war, lag vor ihr die Tür zum Dachgeschoss.

Der Geruch war beißender und die Hitze noch drückender geworden. Sie versuchte ihr Glück mit der Türklinke, stellte aber verblüfft fest, dass die Tür verschlossen war. Wieder zog sie ihren Schlüsselbund hervor, fummelte nach dem passenden Schlüssel und öffnete die Tür. Madre de Dios – der Gestank war kaum auszuhalten. Sie erklomm die steile Treppe. Ihren arthritischen Beinen zuliebe legte Agnes auf der obersten Stufe eine kleine Verschnaufpause ein, riskierte aber schon mal einen neugierigen Blick ins Dachgeschoss. Der lang gezogene Flur schien kein Ende zu nehmen. Hier oben wäre reichlich Platz für ein Dutzend Kinderzimmer, ein großes Spielzimmer und etliche Badezimmer gewesen, nur, für all das hatte Mr Jeremy nie Verwendung gehabt. Im nächsten Augenblick zuckte sie erschrocken zusammen. Unter der Tür am Ende des langen Flurs entdeckte sie einen gelblichen Lichtschimmer. Widerstrebend ging sie langsam darauf zu.

Ihr Herz hämmerte laut, aber weil sie mit der Linken den Rosenkranz umklammert hielt, wusste sie sich sicher. Der beißende Geruch wurde stärker, je näher sie der Tür kam. Sie klopfte so leise wie möglich an, denn es konnte ja sein, dass einer von Mr Jeremys Gästen hier oben seinen Rausch ausschlief. Drinnen rührte sich nichts. Sie fasste nach dem Türknauf, der sich ungewöhnlich warm anfühlte. In der Dachkammer war doch hoffentlich kein Brand ausgebrochen?

Nicht auszudenken, wenn jemand mit einer brennenden Zigarette in der Hand eingeschlafen war! Es roch eindeutig nach Rauch, aber irgendwie kam es ihr vor, als mische sich noch ein anderer, stärkerer Geruch dazu. Sie rüttelte am Türknauf, aber der war verschlossen. Unwillkürlich musste sie an ihre Zeit in der Klosterschule und die Nacht denken, in der die kauzige Schwester Ana gestorben war. Da war ihnen auch nichts anderes übrig geblieben, als die Tür aufzubrechen. Wer weiß, vielleicht lag dort drin auch jemand, der krank war und Hilfe brauchte?

Es half alles nichts, sie musste ihr Glück wieder mit ihrem Schlüsselbund versuchen. Ein mühseliges Puzzlespiel, erst beim zehnten Versuch traf sie ins Schwarze. Sie wagte vor Aufregung kaum zu atmen, aber dann fasste sie Mut und wollte die Tür aufschieben. Nur, die verflixte Tür war durch irgendetwas blockiert. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen das Hindernis, bis es in der Dachkammer auf einmal laut zu rumpeln und zu poltern begann.

Santa Maria, bei dem Lärm musste Mr Jeremy ja aufwachen!

Erst als alles still blieb, wagte sie, sich noch einmal gegen die Tür zu stemmen, diesmal so lange, bis sie ihren Kopf durch den Türspalt schieben konnte.

Ein übler Gestank schlug ihr entgegen. Es war heiß wie in einem Backofen. An den Spinnweben konnte sie sofort sehen, dass der Raum seit Jahren nicht mehr benutzt worden war. Es sah so aus, als wären sämtliche Möbel als Barriere vor die Tür geschoben worden. Bis auf das Bett, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Und auf diesem Bett lag eine Gestalt, genauer gesagt ein Mann. Nicht etwa im Schlafanzug oder im Nachthemd, nein, im korrekten Abendanzug.

»Mr Jeremy?«

Aber Agnes Torres wusste bereits, dass er nicht antworten würde. Er lag nicht schlafend da. Niemand schläft mit offenen Augen und weit aufgerissenem Mund, aus dem die Zunge – schwarz und zur Größe eines Chorizowürstchens angeschwollen – aufragt wie ein Fahnenmast. Niemand schläft mit hoch gereckten Armen und zur Faust geballten Händen, zwischen deren Fingern das Blut hervorquillt. Schlafende lagen nicht mit verkohltem und in sich zusammengefallenem Oberkörper da wie ein Scheit Kaminholz. Agnes kannte sich aus, sie hatte während ihrer Kindheit in Kolumbien viele Tote gesehen. Und Mr Jeremy war so tot, wie Tote nur sein können.

Während sie noch auf den Leichnam starrte, hörte sie plötzlich jemanden sprechen. Es dauerte eine Weile, bis ihr klar wurde, dass sie selbst es war, die zu murmeln begonnen hatte:

En el nombre del Padre, y del Hijo, y del Espíritu Santo … Um ganz sicherzugehen, schlug sie rasch das Kreuzzeichen und griff eilends nach ihrem Rosenkranz. Im selben Moment entdeckte sie das Brandzeichen am Fußende des Bettes. Und da wusste sie, was Mr Jeremy Grove widerfahren war.

Ein lautes Seufzen, ähnlich einem erstickten Schrei, dann hatte sie die erste Panik überwunden. Sorgfältig verschloss sie die Tür der Dachkammer, und genauso gewissenhaft verfuhr sie bei allen anderen, die sie geöffnet hatte. Was ihr freilich, wie sie sehr wohl wusste, nur gelingen konnte, weil sie den Rosenkranz fest umklammert hielt, von Zeit zu Zeit das Kreuzzeichen schlug und unermüdlich vor sich hin murmelte:

Creo en Dios, Padre todopoderoso, creador del cielo y de la tierra. Erst als die letzte Treppenstufe hinter ihr lag, erlaubte sie sich die Schwäche, vor Erleichterung zu schluchzen – aber nur ganz leise, fast lautlos. Sie hatte das Zeichen mit eigenen Augen gesehen: ein eingebrannter Hufabdruck. Der Teufel persönlich hatte Jeremy Grove seine Aufwartung gemacht.



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