Leseprobe
Pee-Wee Boxer blickte mit Abscheu auf die Baustelle. Der Polier war ein
Großmaul und seine Crew ein zusammengewürfelter Haufen von Stümpern.
Der Schlimmste war der Baggerführer, der offenbar keinen blassen
Schimmer davon hatte, wie man einen Cat bedient. Vielleicht war er
durch die Gewerkschaft zu seinem Job gekommen, oder irgendein guter
Freund hatte ihm dazu verholfen. Jedenfalls fuhrwerkte er herum, als
säße er zum ersten Mal auf einem Hochleistungs-Queens. Boxer stand mit
verschränkten Armen da und beobachtete, wie sich die mächtige Schaufel
in den Steinschutt grub, der von den abgerissenen Wohnblocks übrig
geblieben war. Sie hob sich, brach die Aufwärtsbewegung jäh ab,
startete unter jämmerlichem Jaulen der Hydraulik einen neuen Versuch
und schaukelte dann unkontrolliert hin und her. O Gott, wo hatten sie
bloß diesen Komiker aufgetrieben?
Er hörte knirschende
Schritte hinter sich, drehte sich um und sah den Polier näher kommen,
das verschwitzte Gesicht über und über mit Staub beschmiert. »Boxer,
hast du ’ne Eintrittskarte für die Show gelöst, oder was?«
Boxer ließ die Muskeln seiner kräftigen Arme spielen und tat, als habe
er nichts gehört. Er war der Einzige auf der Baustelle, der sein
Handwerk von der Pike auf gelernt hatte, und das genügte den anderen,
um ihn schief anzusehen. Ihm war’s egal, er blieb sowieso am liebsten
für sich allein.
Er hörte, wie die Baggerschaufel sich
ratternd in das massive ehemalige Fundament wühlte. Seitdem es
vollständig freigelegt war, sah die Baugrube im hellen Sonnenlicht wie
eine frische Wunde aus – ganz oben Asphalt und Zement, darunter
Ziegelsteine, Steinschutt und wieder Ziegelsteine, dann erst kam
lockeres Erdreich. Damit sie das Fundament des geplanten
glasverkleideten Apartmentturms direkt auf den gewachsenen Fels setzen
konnten, mussten sie sich tief in den Boden wühlen.
Boxer
ließ den Blick über die Baustelle schweifen. Im Hintergrund, an der
Lower East Side, leuchteten die wie Kettenglieder aneinander gereihten
Wohnhäuser aus rötlichem Ziegelstein im hellen Licht des Nachmittags.
Einige waren gerade erst renoviert worden, der Rest sollte in Kürze
folgen. Die so genannte Stadtsanierung für soziale Aufsteiger.usatz
»He – Boxer! Bist du taub?«
Boxer spannte wieder die Muskeln und erging sich einen Moment in der
Vorstellung, dem Kerl die Faust in das verschwitzte, widerlich rote
Gesicht zu pflanzen.
»Nun mach schon, setz deinen Arsch in Bewegung! Hier läuft keine Peepshow ab.«
Der Polier reckte den Kopf, kam aber vorsichtshalber nicht näher. Und
daran tat er gut. Boxer musterte die Männer, die Ziegel zu einem Stapel
aufschichteten. Jede Wette, dass sie die an irgendeinen überkandidelten
Yuppie verscherbeln wollten, der die mit Mörtel bekleckerten
Abbruchreste für den letzten Schick hielt und pro Stück locker fünf
Dollar hinblätterte. Schließlich setzte er sich betont langsam in
Bewegung, um zu demonstrieren, dass er sich von dem Polier nicht
herumschubsen ließ.
Irgendwo laute Rufe, der Lärm des Baggers
verstummte jäh. Der Cat hatte sich in eine Mauer gewühlt, hinter der
ein dunkler, baufällig aussehender Hohlraum lag. Als der Baggerführer
aus der Kabine kletterte, stapfte der Polier stirnrunzelnd zu ihm
hinüber, dann redeten beide eine Weile aufgeregt aufeinander ein.
»Boxer«, rief der Polier, »du hast doch offenbar nichts zu tun, wie? Na gut, ich hab hier was für dich.«
Boxer änderte seinen Kurs so unauffällig, als wäre er ohnehin Richtung
Bagger unterwegs gewesen, dachte aber nicht daran, den Kopf zu heben
oder dem Polier gar zu signalisieren, dass er ihn gehört hatte. Den
aufgeblasenen Fatzke immer schön links liegen lassen! Knapp vor dem
schmächtigen Mann blieb er stehen und starrte demonstrativ auf dessen
schmutzige Stiefel. Kleine Füße, kleiner Schwanz.
Schließlich hob er langsam den Kopf.
»Schön, dass du wenigstens Notiz von mir nimmst, Pee-Wee. Guck dir das mal an!«
Boxer schielte flüchtig zu dem Hohlraum hinüber.
»Gib mir deine Taschenlampe!«
Boxer hakte die gelbe Stablampe aus der Haltelasche und hielt sie dem Polier hin.
Der schaltete sie ein, murmelte mit spöttischer Bewunderung »O Mann,
die brennt ja sogar«, und beugte sich weit über den Mauerrand. Ein
ausgemachter Volltrottel, dachte Boxer, als der Polier sich auf
Zehenspitzen tief über die Mauer beugte. Er murmelte etwas, was aber
nicht zu verstehen war, und kam schließlich wieder hoch.
»Sieht aus wie ein unterirdischer Gang.« Er fuhr sich mit dem
Handrücken übers Gesicht und verteilte den schmierigen Film aus Schweiß
und Staub in die Breite. »Und da unten stinkt’s wie die Beulenpest.«
»Haste irgendwo König Tut gesehen?«, rief jemand.
Alle außer Boxer lachten. Wer, zum Teufel, war König Tut?usatz
»Ich hoffe, verdammt noch mal, dass das nicht so was Archäologisches
ist«, knurrte der Polier und wandte sich zu Boxer um. »Pee-Wee, so ’n
großer, kräftiger Kerl wie du sollte sich das mal aus der Nähe
ansehen.«
Boxer nahm die Stablampe, ignorierte die anderen,
die sich neben ihm wie Winzlinge ausnahmen, und stemmte sich durch das
Loch, das der Bagger geschlagen hatte. Er kauerte auf der Halde aus
zertrümmerten Ziegelsteinen und glitt mit dem Lichtstrahl kreuz und
quer durch die unterirdische Höhle. Es schien tatsächlich ein langer,
niedriger, an den Seitenwänden und der Decke von bedrohlichen Rissen
durchzogener Tunnel zu sein. Sah aus, als würde er jeden Moment
einstürzen. Boxer zögerte unschlüssig.
»Gehst du nun rein, oder was?«, drängte von oben die ungeduldige Stimme des Poliers.
Einer der Arbeiter witzelte in weinerlichem Ton: »Davon steht nichts in
meinem Gewerkschaftsvertrag!« Die anderen reagierten mit schallendem
Gelächter.
Boxer kroch über den Steinschutt weiter in den Stollen.
Der Boden des unterirdischen Gangs war mit zerbrochenen oder zu Schutt
zersplitterten Ziegelsteinen bedeckt. Boxer musste sich, von
aufgewirbeltem Staub umwölkt, kriechend vorarbeiten, bis er
einigermaßen festen Boden unter den Füßen hatte und sich aufrichten
konnte. Er leuchtete mit der Stablampe ins Dunkel, aber der Staub, der
in der Luft hing, verschluckte den Lichtstrahl schon nach wenigen
Metern. Boxer wartete, bis der Dunst sich gesetzt hatte und seine
Augen an das Halbdunkel gewöhnt waren. Er hörte, dass die Männer oben
sich lachend unterhielten, was seltsam gedämpft klang, wie aus weiter
Ferne.
Er ging ein paar Schritte weiter und schwenkte den
Lichtstrahl hin und her. Von der Decke hingen Stalaktiten wie dünne
Fäden. Ein Schwall übel riechender Luft schlug ihm entgegen. Tote
Ratten, vermutlich.
Der Tunnel schien leer zu sein, nur ein
paar Brocken Kohle lagen herum. Links und rechts waren roh mit Ziegeln
zugemauerte und oben abgerundete Nischen in die Wände eingelassen,
etwa einen Meter breit und anderthalb hoch. An den Stollenwänden
glitzerte Wasser, das monotone Tröpfeln erinnerte an gedämpften,
eintönigen Chorgesang. Ansonsten herrschte Grabesstille, der
unterirdische Gang verschluckte alle Geräusche aus der Welt, die
irgendwo über ihm lag.
Boxer wagte noch einen Schritt, den
Lichtstrahl der Lampe abwechselnd auf die Wände und die Decke
gerichtet. Das Netz aus Rissen schien dichter zu werden, immer wieder
rieselte feiner Schutt auf ihn herab, stellenweise vermischt mit
größeren Brocken. Er blieb stehen und suchte mit einem mulmigen Gefühl
die zugemauerten Nischen ab.usatz
Schließlich ging er
vorsichtig auf die nächstgelegene zu. Die Ziegelmauer machte keinen
sonderlich Vertrauen erweckenden Eindruck, ein Stein war schon
herausgebrochen, die übrigen sahen ebenfalls locker aus. Aber
irgendwie ließ ihm die Frage keine Ruhe, was sich wohl dahinter in den
Nischen verbergen mochte. Seitengänge? Oder hatte jemand etwas
Wertvolles verstecken wollen?
Er richtete die Stablampe auf
die Stelle, an der der Stein herausgebrochen war, konnte aber außer
nachtschwarzer Dunkelheit nichts ausmachen. Er schob die Hand in das
Loch und fing an, den darunter liegenden Stein hin und her zu bewegen.
Wie er sich’s gedacht hatte: Der war auch schon locker. Er brach ihn
heraus, was prompt eine kleine Staublawine auslöste. Dann nahm er sich
den nächsten vor – und noch einen. Der widerliche Gestank wurde
stärker, er kam direkt aus dem Loch.
Boxer leuchtete abermals
in den Hohlraum. Noch eine Wand, etwa einen Meter hinter der ersten. Er
richtete den Lichtstrahl auf den Boden. Da lag irgendetwas, eine Art
Porzellanschüssel. Von dem widerlichen Gestank fingen ihm die Augen zu
tränen an, er zog sich ein paar Schritte zurück, hin- und hergerissen
zwischen Neugier und der vagen Ahnung, dass er sich womöglich einer
unbestimmten Gefahr aussetzte. Irgendjemand hatte irgendetwas da drin
verborgen, so viel stand fest. Vielleicht etwas Altes, Wertvolles.
Warum hätte er sich sonst die Mühe gemacht, eine Mauer hochzuziehen?
Boxer kannte einen, der hatte bei Abbrucharbeiten einen Beutel mit
Silberdollars gefunden. Seltene Münzen, ein paar Riesen wert. Der Typ
hatte sich von dem Erlös einen nagelneuen Mähtraktor kaufen können.
Falls er hier tatsächlich auf etwas Wertvolles stieß – zum Teufel mit
den anderen, was es auch war, er würde es für sich behalten.
Er knöpfte den Overall auf, zog das Unterhemd hoch und stülpte es sich
über Mund und Nase. Dann steckte er die Stablampe durch das Loch, gab
sich einen Ruck und schob Kopf und Schultern hinterher.
Ein
paar Sekunden hing er reglos in der Öffnung, wie erstarrt. Dann zuckte
sein Kopf unwillkürlich zurück und stieß hart gegen die oberen Ziegel.
Die Lampe rutschte ihm aus der Hand, er taumelte rückwärts und holte
sich prompt die nächste Schramme, diesmal an der Stirn. Er hetzte, die
Hände als Fühler ausgestreckt, durch den dunklen Stollen, stolperte
über Steine und fiel der Länge nach hin.
Totenstille umgab
ihn. Als der Staub sich etwas verzogen hatte, sah er in einiger
Entfernung einen schwachen Lichtschimmer. Das musste der Ausgang sein.
Der widerliche Gestank schwappte über ihn weg. Er raffte sich stöhnend
auf, kroch auf allen vieren auf den Lichtschimmer zu, schaffte es bis
zu dem Schutthaufen am Stollenende, wollte drüber klettern, stürzte,
krallte sich mit beiden Händen fest und zog sich hoch. Und dann war er
endlich draußen, zurück im Sonnenlicht und in der frischen Luft. Als er
oben war, verließen ihn die Kräfte. Er zwängte sich durch das Loch und
kippte vor Erschöpfung nach vorn. Gelächter wurde laut, das aber abrupt
verstummte, als er sich auf den Rücken rollte. Alle kamen angerannt,
wollten ihm auf die Beine helfen, redeten ohne Punkt und Komma auf ihn
ein.
»Mein Gott, was ist passiert?«
»Er hat sich verletzt, ist ganz blutig.«
»Nicht bewegen, lasst ihn liegen! Ruft mal einen Krankenwagen!«
»Was war’s denn? Ein unterirdischer Gang?«
Boxer starrte die Männer an, versuchte durchzuatmen und den rasenden
Pulsschlag unter Kontrolle zu bringen. Und irgendwann brachte er
stammelnd das Wort »Knochen« heraus.
»Knochen? Was meinst du damit?«
Boxer spürte warmes Blut über sein Gesicht rinnen. Aber wenigstens
konnte er allmählich wieder klar denken. »Schädel«, sagte er. »Dutzende
Schädel. Und viele Knochen. Alle aufeinander geschichtet.«
Dann wurde ihm schwindelig. Er ließ sich nach hinten kippen und badete das zerschundene Gesicht im Sonnenlicht.
