Leseprobe
Medicine Creek, Kansas, Anfang August, die Stunde des Sonnenuntergangs.
Von Horizont zu Horizont erstreckt sich das wogende gelbe Meer der
Maisfelder, der Himmel sieht aus, als zürne er.
Sooft ein Windhauch durch die Stängel streicht, scheinen die Kolben
flüsternd und raunend zum Leben zu erwachen, aber sobald dem Wind der
Atem ausgeht, verstummt der Spuk. Die Hitzewelle dauert nun schon seit
drei Wochen an, die ausgelaugte Luft dümpelt wie ein flirrender
Schleier über den Feldern. Zwei Straßen durchschneiden das gelbe Meer,
eine von Nord nach Süd, die andere von West nach Ost. An ihrer
Schnittstelle liegt die Stadt: eine Ansammlung grauer, eng aneinander gedrängter Gebäude, die freilich, je weiter das Zentrum zurückbleibt,
immer mehr von Einzelhäusern abgelöst wird, danach kommt noch die eine
oder andere Farm – und dann nichts mehr. Ein von kümmerlichen Bäumen
gesäumter Bach fließt, von Nordwesten kommend, Richtung Stadt,
schlängelt sich träge um sie herum und verschwindet dann Richtung
Südosten. Das bemerkenswerteste an ihm sind seine Biegungen und
Schleifen, fast ein Phänomen in der eintönigen, wie am Reißbrett
entworfenen Landschaft. Nur im Nordosten, wo auf einem Hügel ein paar
Bäume stehen, findet das Auge ein wenig Abwechslung. Südlich der Stadt
ragt – wie ein Fremdkörper im schier endlosen Gelb – ein riesiges
Schlachthaus in die Höhe, auf dessen Wellblechwänden sich im
Laufe der Jahre Staub und Schmutz abgelagert hat. Wenn Wind aufkommt,
driftet ein schwacher Geruch von Blut und Desinfektionsmitteln nach
Süden, denn dorthin treibt der Wind, wenn er denn weht, alles. Knapp am
Horizont ragen drei hohe Maissilos auf – wie eine bizarre Fata Morgana, die unwillkürlich an einen gestrandeten Dreimastschoner denken lässt.
Die Temperatur beträgt exakt fünfundvierzig Grad. Hitzegewitter malen
das grandiose Schauspiel lautlos zuckender Blitze an den nördlichen
Horizont. Der Mais steht über zwei Meter hoch, prall gefüllte Kolben
drängen sich dicht an dicht, bis zur Ernte sind es noch zwei Wochen.
Zwielicht senkt sich über die Landschaft, das Orange des Himmels färbt
sich blutrot, in der Stadt gehen die ersten
Lichter an. Ein
schwarz und weiß lackierter Streifenwagen der Ortspolizei prescht die
Hauptstraße hinunter, die Scheinwerfer bohren sich in die beginnende
Dunkelheit. Er fährt stadtauswärts, dorthin, wo es nur das wogende Gelb
gibt. Etwa drei Meilen vor dem Fahrzeug schrauben in der Thermik einige Truthahngeier ihre engen Kreise über den Maisfeldern. Sie stoßen
hinab, steigen auf, kreisen eine Weile und tauchen wieder in das gelbe
Meer ein – ein rastloses, scheinbar sinnloses Spiel.
Sheriff Dent Hazen fummelte fluchend an den Knöpfen des Armaturenbretts
herum, was aber nichts half: Er konnte die Hand noch so oft vor das
Gebläse legen, es verströmte nur lauwarme Luft, und wenn er es stärker
aufdrehte, spuckte es Staub. Er kurbelte das Seitenfenster herunter und
schnippte seine Zigarettenkippe hinaus. Wenn nur diese verdammte
Bullenhitze nicht gewesen wäre!
Und da war noch etwas, was
Hazen irritierte: die Truthahngeier, die unaufhörlich auf- und
abstiegen, genau vor seiner Nase. Elende Mistviecher!, dachte er und
hatte nicht übel Lust, ihnen mit der doppelläufigen Winchester eins
überzubrennen. Er nahm den Fuß vom Gas und bog in einen der holprigen
Feldwege ein, die wie ein Gitternetz Tausende Quadratmeilen Mais rings
um Medicine Creek durchzogen. Als er mit dem Streifenwagen nicht mehr
weiterkam, hielt er an und schaltete – eigentlich nur aus Gewohnheit –
die kreisenden Dachlichter ein. Warum, zum Teufel, blieben die
gottverdammten Geier nicht auf dem Boden, wenn sie ein Stück Aas
entdeckt hatten? Hazen beschloss, die Viecher für alle Fälle im Auge zu
behalten. Jetzt ging’s bloß noch zu Fuß weiter. Er würde sich quer
durch die ausgedörrten Maisstängel zwängen müssen, was das Ganze noch
beschwerlicher machte; schon beim bloßen Gedanken daran wurde ihm flau
im Magen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, wieder in den
Dienstwagen zu steigen und möglichst schnell in die Stadt
zurückzukehren. Nur, dafür war es schon zu spät, er hatte den Anruf
Wilma
Lowrys schon ins Dienstbuch eingetragen. Die Alte hatte
den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun, als aus dem Fenster zu
gaffen und dem Sheriffsbüro jedes verendete Stück Vieh zu melden. Aber
es war für heute der letzte Anruf gewesen. Und wenn er’s recht
bedachte: Die Überstunden am Freitagabend verhalfen ihm umso sicherer
zu einem langen, faulen Angelwochenende im State Park am Hamilton Lake,
wo er sich – das walte Hugo – den Staub der ganzen Woche aus der Kehle spülen würde. Er zündete sich hustend eine neue Zigarette an. Mal
sehen, welche blöde Kuh sich da wieder ins Maisfeld verirrt und an dem
süßen Zeug überfressen hatte, worauf sie mit aufgeblähtem Bauch verendet war. Was die Frage aufwarf, seit wann es zu den Aufgaben des Sheriffs gehörte, totes Vieh aufzuspüren?
Leider kannte er die Antwort nur zu gut: seit der Amtsveterinär in den
Ruhestand gegangen war – ohne Nachfolger, weil Medicine Creek keinen
mehr brauchte. Jahr für Jahr gaben mehr Farmerfamilien auf, der
Viehbestand schrumpfte und mit ihm die Einwohnerzahl. Die ganze County
ging zum Teufel. Hazen kramte die Stablampe aus dem Handschuhfach,
rückte das Koppel zurecht, schulterte das Gewehr und bahnte sich einen
Weg durch die sperrigen Maisstängel. Zum Kotzen, heute wollte
die schwüle Luft anscheinend überhaupt nicht mehr weichen! Und drin,
mitten im Maisfeld, wurde es bestimmt noch unerträglicher.
Das Frühjahr war feucht gewesen, die Hitzewelle hatte erst vor wenigen
Wochen eingesetzt. Das Getreide stand dieses Jahr höher, als Hazen es
je erlebt hatte, die Stängel überragten ihn um gut dreißig Zentimeter.
Als ihm der moderig-süße Maisgeruch in die Nase stieg, fiel ihm ein,
wie er als Kind einmal vor seinem großen Bruder ins Maisfeld geflüchtet
war und dann geschlagene zwei Stunden gebraucht hatte, um wieder
herauszufinden. Tief zog er den Rauch seiner Zigarette ein und stapfte
los. Das Feld gehörte der Buswell Agricon aus Atlanta, daher war es
Hazen schnurzegal, wie viele Stängel und Kolben er umknickte. In
spätestens zwei Wochen rückten die Männer von Agricon sowieso mit
riesigen Maschinen an und ernteten alles ab. Der Mais wurde zu den
Silos gekarrt und später mit der Bahn an Abnehmer im ganzen Land
geliefert, bis er schließlich – wenn er nicht zu Biosprit verarbeitet
wurde – in den Mägen wiederkäuender Rinder verschwand, die ihrerseits,
zu saftigen Lendenstücken aufgeteilt, auf den Tellern
wohlhabender Feinschmecker in New York oder Tokio landeten. Was für
eine Welt!
Hazen kämpfte sich – inzwischen mit
laufender Nase – Reihe um Reihe durch das Maisdickicht. Er schnippte
die Zigarettenkippe weg; erst hinterher fiel ihm ein, dass er besser
daran getan hätte, sie vorher auszutreten. Ach, hol’s der Henker! Die
Jungs von der Buswell Agricon würden es nicht mal merken, wenn ihnen
ein paar tausend Hektar Mais abbrannten. Eigentlich müssten sich ja die
Großbetriebe darum kümmern, verendetes Vieh aus ihren Feldern zu holen.
Aber deren Bosse hatten bestimmt noch nie auch nur einen Fuß
in ein Maisfeld gesetzt. Hazen stammte wie fast alle in Medicine Creek
aus einer Farmerfamilie, die ihren Boden an Großbetriebe wie Buswell
Agricon verkauft hatte. Deshalb war die Bevölkerungszahl seit über
einem halben Jahrhundert ständig geschrumpft; die eingeschlagenen
Fensterscheiben aufgegebener Farmhäuser, deren Dächer knapp aus dem
wogenden Gelb spitzten, gaben beredtes Zeugnis davon. Hazen war
geblieben, nicht etwa weil er an Medicine Creek gehangen
hätte, nein, er hing allenfalls an seiner Uniform, und es gefiel ihm,
dass die Leute ihm mit Respekt begegneten. Er gehörte zu der Stadt, so
wie sie zu ihm gehörte. Wenn er sich in Medicine Creek so wohl fühlte,
lag das vor allem daran, dass er hier alles kannte: die Leute, jede finstere Ecke und jedes düstere Geheimnis. Er konnte sich
einfach nicht vorstellen, woanders zu leben. Plötzlich blieb er stehen
und ließ den Lichtstrahl der Stablampe über die Maiskolben huschen.
Eben noch hatte die Luft nichts als Staub zu ihm getragen, nun aber
machte sich ein anderer Geruch bemerkbar: der Pesthauch der Verwesung,
fünfzig Meter vor ihm, schätzte er. Die Geier zogen weiter ihre Kreise,
nun in größerer Höhe. Stille hüllte ihn ein, kein Lüftchen regte sich.
Er nahm die Winchester von der Schulter und zwängte sich – inzwischen
allerdings vorsichtiger geworden – weiter durch den Irrgarten
aus Maisstängeln. Der widerliche Gestank, von süßlichem Maisduft
überlagert, wurde stärker. Obwohl der rot glühende Abgesang des
Abendhimmels der Dunkelheit gewichen war, konnte Hazen inmitten der
Stängel eine kahle Stelle ausmachen, eine Art Lichtung. Nur, die hätte es dort nicht geben dürfen. Merkwürdig.
