• Home
  • Autor
  • Buecher
  • Extras
Cover
VERLAG

Knaur TB

SEITENZAHL

528

AUSSTATTUNG

SC

PREIS

EUR (D) 9,99

ISBN

3-426-63154-7

ISBN-13

978-3-426-63154-6

ERSCHEINUNGSTERMIN

2006-02-01

 

Leseprobe




Medicine Creek, Kansas, Anfang August, die Stunde des Sonnenuntergangs. Von Horizont zu Horizont erstreckt sich das wogende gelbe Meer der Maisfelder, der Himmel sieht aus, als zürne er.

Sooft ein Windhauch durch die Stängel streicht, scheinen die Kolben flüsternd und raunend zum Leben zu erwachen, aber sobald dem Wind der Atem ausgeht, verstummt der Spuk. Die Hitzewelle dauert nun schon seit drei Wochen an, die ausgelaugte Luft dümpelt wie ein flirrender Schleier über den Feldern. Zwei Straßen durchschneiden das gelbe Meer, eine von Nord nach Süd, die andere von West nach Ost. An ihrer Schnittstelle liegt die Stadt: eine Ansammlung grauer, eng aneinander gedrängter Gebäude, die freilich, je weiter das Zentrum zurückbleibt, immer mehr von Einzelhäusern abgelöst wird, danach kommt noch die eine oder andere Farm – und dann nichts mehr. Ein von kümmerlichen Bäumen gesäumter Bach fließt, von Nordwesten kommend, Richtung Stadt, schlängelt sich träge um sie herum und verschwindet dann Richtung Südosten. Das bemerkenswerteste an ihm sind seine Biegungen und Schleifen, fast ein Phänomen in der eintönigen, wie am Reißbrett entworfenen Landschaft. Nur im Nordosten, wo auf einem Hügel ein paar Bäume stehen, findet das Auge ein wenig Abwechslung. Südlich der Stadt ragt – wie ein Fremdkörper im schier endlosen Gelb – ein riesiges Schlachthaus in die Höhe, auf dessen Wellblechwänden sich im Laufe der Jahre Staub und Schmutz abgelagert hat. Wenn Wind aufkommt, driftet ein schwacher Geruch von Blut und Desinfektionsmitteln nach Süden, denn dorthin treibt der Wind, wenn er denn weht, alles. Knapp am Horizont ragen drei hohe Maissilos auf – wie eine bizarre Fata Morgana, die unwillkürlich an einen gestrandeten Dreimastschoner denken lässt.

Die Temperatur beträgt exakt fünfundvierzig Grad. Hitzegewitter malen das grandiose Schauspiel lautlos zuckender Blitze an den nördlichen Horizont. Der Mais steht über zwei Meter hoch, prall gefüllte Kolben drängen sich dicht an dicht, bis zur Ernte sind es noch zwei Wochen. Zwielicht senkt sich über die Landschaft, das Orange des Himmels färbt sich blutrot, in der Stadt gehen die ersten
Lichter an. Ein schwarz und weiß lackierter Streifenwagen der Ortspolizei prescht die Hauptstraße hinunter, die Scheinwerfer bohren sich in die beginnende Dunkelheit. Er fährt stadtauswärts, dorthin, wo es nur das wogende Gelb gibt. Etwa drei Meilen vor dem Fahrzeug schrauben in der Thermik einige Truthahngeier ihre engen Kreise über den Maisfeldern. Sie stoßen hinab, steigen auf, kreisen eine Weile und tauchen wieder in das gelbe Meer ein – ein rastloses, scheinbar sinnloses Spiel.

Sheriff Dent Hazen fummelte fluchend an den Knöpfen des Armaturenbretts herum, was aber nichts half: Er konnte die Hand noch so oft vor das Gebläse legen, es verströmte nur lauwarme Luft, und wenn er es stärker aufdrehte, spuckte es Staub. Er kurbelte das Seitenfenster herunter und schnippte seine Zigarettenkippe hinaus. Wenn nur diese verdammte Bullenhitze nicht gewesen wäre!

Und da war noch etwas, was Hazen irritierte: die Truthahngeier, die unaufhörlich auf- und abstiegen, genau vor seiner Nase. Elende Mistviecher!, dachte er und hatte nicht übel Lust, ihnen mit der doppelläufigen Winchester eins überzubrennen. Er nahm den Fuß vom Gas und bog in einen der holprigen Feldwege ein, die wie ein Gitternetz Tausende Quadratmeilen Mais rings um Medicine Creek durchzogen. Als er mit dem Streifenwagen nicht mehr weiterkam, hielt er an und schaltete – eigentlich nur aus Gewohnheit – die kreisenden Dachlichter ein. Warum, zum Teufel, blieben die gottverdammten Geier nicht auf dem Boden, wenn sie ein Stück Aas entdeckt hatten? Hazen beschloss, die Viecher für alle Fälle im Auge zu behalten. Jetzt ging’s bloß noch zu Fuß weiter. Er würde sich quer durch die ausgedörrten Maisstängel zwängen müssen, was das Ganze noch beschwerlicher machte; schon beim bloßen Gedanken daran wurde ihm flau im Magen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, wieder in den Dienstwagen zu steigen und möglichst schnell in die Stadt zurückzukehren. Nur, dafür war es schon zu spät, er hatte den Anruf Wilma

Lowrys schon ins Dienstbuch eingetragen. Die Alte hatte den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun, als aus dem Fenster zu gaffen und dem Sheriffsbüro jedes verendete Stück Vieh zu melden. Aber es war für heute der letzte Anruf gewesen. Und wenn er’s recht bedachte: Die Überstunden am Freitagabend verhalfen ihm umso sicherer zu einem langen, faulen Angelwochenende im State Park am Hamilton Lake, wo er sich – das walte Hugo – den Staub der ganzen Woche aus der Kehle spülen würde. Er zündete sich hustend eine neue Zigarette an. Mal sehen, welche blöde Kuh sich da wieder ins Maisfeld verirrt und an dem süßen Zeug überfressen hatte, worauf sie mit aufgeblähtem Bauch verendet war. Was die Frage aufwarf, seit wann es zu den Aufgaben des Sheriffs gehörte, totes Vieh aufzuspüren?

Leider kannte er die Antwort nur zu gut: seit der Amtsveterinär in den Ruhestand gegangen war – ohne Nachfolger, weil Medicine Creek keinen mehr brauchte. Jahr für Jahr gaben mehr Farmerfamilien auf, der Viehbestand schrumpfte und mit ihm die Einwohnerzahl. Die ganze County ging zum Teufel. Hazen kramte die Stablampe aus dem Handschuhfach, rückte das Koppel zurecht, schulterte das Gewehr und bahnte sich einen Weg durch die sperrigen Maisstängel. Zum Kotzen, heute wollte die schwüle Luft anscheinend überhaupt nicht mehr weichen! Und drin, mitten im Maisfeld, wurde es bestimmt noch unerträglicher.

Das Frühjahr war feucht gewesen, die Hitzewelle hatte erst vor wenigen Wochen eingesetzt. Das Getreide stand dieses Jahr höher, als Hazen es je erlebt hatte, die Stängel überragten ihn um gut dreißig Zentimeter. Als ihm der moderig-süße Maisgeruch in die Nase stieg, fiel ihm ein, wie er als Kind einmal vor seinem großen Bruder ins Maisfeld geflüchtet war und dann geschlagene zwei Stunden gebraucht hatte, um wieder herauszufinden. Tief zog er den Rauch seiner Zigarette ein und stapfte los. Das Feld gehörte der Buswell Agricon aus Atlanta, daher war es Hazen schnurzegal, wie viele Stängel und Kolben er umknickte. In spätestens zwei Wochen rückten die Männer von Agricon sowieso mit riesigen Maschinen an und ernteten alles ab. Der Mais wurde zu den Silos gekarrt und später mit der Bahn an Abnehmer im ganzen Land geliefert, bis er schließlich – wenn er nicht zu Biosprit verarbeitet wurde – in den Mägen wiederkäuender Rinder verschwand, die ihrerseits, zu saftigen Lendenstücken aufgeteilt, auf den Tellern wohlhabender Feinschmecker in New York oder Tokio landeten. Was für eine Welt!

Hazen kämpfte sich – inzwischen mit laufender Nase – Reihe um Reihe durch das Maisdickicht. Er schnippte die Zigarettenkippe weg; erst hinterher fiel ihm ein, dass er besser daran getan hätte, sie vorher auszutreten. Ach, hol’s der Henker! Die Jungs von der Buswell Agricon würden es nicht mal merken, wenn ihnen ein paar tausend Hektar Mais abbrannten. Eigentlich müssten sich ja die Großbetriebe darum kümmern, verendetes Vieh aus ihren Feldern zu holen. Aber deren Bosse hatten bestimmt noch nie auch nur einen Fuß in ein Maisfeld gesetzt. Hazen stammte wie fast alle in Medicine Creek aus einer Farmerfamilie, die ihren Boden an Großbetriebe wie Buswell Agricon verkauft hatte. Deshalb war die Bevölkerungszahl seit über einem halben Jahrhundert ständig geschrumpft; die eingeschlagenen Fensterscheiben aufgegebener Farmhäuser, deren Dächer knapp aus dem wogenden Gelb spitzten, gaben beredtes Zeugnis davon. Hazen war geblieben, nicht etwa weil er an Medicine Creek gehangen hätte, nein, er hing allenfalls an seiner Uniform, und es gefiel ihm, dass die Leute ihm mit Respekt begegneten. Er gehörte zu der Stadt, so wie sie zu ihm gehörte. Wenn er sich in Medicine Creek so wohl fühlte, lag das vor allem daran, dass er hier alles kannte: die Leute, jede finstere Ecke und jedes düstere Geheimnis. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, woanders zu leben. Plötzlich blieb er stehen und ließ den Lichtstrahl der Stablampe über die Maiskolben huschen. Eben noch hatte die Luft nichts als Staub zu ihm getragen, nun aber machte sich ein anderer Geruch bemerkbar: der Pesthauch der Verwesung, fünfzig Meter vor ihm, schätzte er. Die Geier zogen weiter ihre Kreise, nun in größerer Höhe. Stille hüllte ihn ein, kein Lüftchen regte sich. Er nahm die Winchester von der Schulter und zwängte sich – inzwischen allerdings vorsichtiger geworden – weiter durch den Irrgarten aus Maisstängeln. Der widerliche Gestank, von süßlichem Maisduft überlagert, wurde stärker. Obwohl der rot glühende Abgesang des Abendhimmels der Dunkelheit gewichen war, konnte Hazen inmitten der Stängel eine kahle Stelle ausmachen, eine Art Lichtung. Nur, die hätte es dort nicht geben dürfen. Merkwürdig.



REMINDER

Wir informieren Sie, sobald
ein neuer Roman erscheint.

» Anmelden
VERANSTALTUNGEN

Preston & Child
ganz in Ihrer Nähe

» zu den Veranstaltungen

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

This site conforms to the following standards: